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Tipps für die ersten Wochen in der Klinik

Dr. Nora Kießling, Sprecherin des Jungen Forums der DGGG e. V., berichtet wie sie den Berufsstart in der Klinik gemeistert hat und gibt jungen Ärztinnen und Ärzten Tipps für den Berufsstart.

Viele Assistenzärztinnen und -ärzte fühlen sich in den ersten Wochen in der Klinik überfordert und allein gelassen – und zweifeln im schlimmsten Fall an ihrer Berufswahl. Nora Kießling weiß noch genau, wie sich das anfühlt. Sie hat uns erzählt, was ihr in den ersten Wochen geholfen hat und gibt Tipps für junge Kolleginnen und Kollegen.

Frau Kießling, Sie engagieren sich im Jungen Forum der DGGG e. V. und befinden sich bereits seit drei Jahren in der Weiterbildung Gynäkologie und Geburtshilfe. Sie erinnern sich sicherlich noch gut an die ersten Wochen und Monate im Berufsleben – wie ging es Ihnen da und was waren die größten Herausforderungen?

Dr. Nora Kießling: Genau, das ist noch gar nicht so lange her – ich habe 2018 in einer großen Klinik für Geburtsmedizin in Berlin angefangen. Natürlich war ich am Anfang überfordert – es waren einfach sehr viele Eindrücke und Anforderungen, mit denen ich konfrontiert wurde. Woran ich mich noch gut erinnern kann: Es gab einen Moment, in dem ich realisiert habe: Das ist jetzt mein Berufsleben. Ich habe kaum Freizeit – und daran wird sich so schnell nichts mehr ändern. Wie gehe ich jetzt mit dieser Situation um? Da habe ich schon mit den Ohren geschlackert.

Dr. Nora Kießling

Über Dr. Nora Kießling

Dr. Nora Kießling ist Assistenzärztin in der Gynäkologie und Geburtshilfe im Vivantes Auguste-Viktoria Klinikum in Schöneberg. Als Sprecherin des Jungen Forums der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG e.V.) setzt sie sich für die Interessen junger Ärztinnen und Ärzte ein. Ihr Ziel ist es, eine bessere Weiterbildung, mehr Digitalisierung, flexible Arbeitszeitmodelle sowie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie voranzutreiben.

Was hat Ihnen in dieser Situation geholfen?

Dr. Nora Kießling: Ich hatte das Glück, dass ich ein tolles Team um mich hatte und zudem eine superstrukturierte Einarbeitung erhalten habe. Bei meiner ersten Stelle hatte ich eine großartige leitende Oberärztin, die sich sehr für unsere Weiterbildung eingesetzt hat. Außerdem hatten alle Weiterbildungsassistentinnen und -assistenten auch eine eigene Mentorin, die immer ein offenes Ohr hatte.  Natürlich sind auch Familie und Freunde für mich dagewesen – aber gleichzeitig habe ich auch im Privatleben bemerkt: Oft sind alle beisammen, nur ich kann nicht dabei sein. Und wenn ich mal abends Zeit hatte, war ich oft so müde und erschöpft, dass ich früh nach Hause gehen musste. Nach ein paar Wochen wurde es dann aber besser. Man gewöhnt sich an den hohen Work Load und hat irgendwann auch ein besseres Zeitmanagement.

Sie hatten offenbar großes Glück, da Sie ein verständnisvolles und hilfsbereites Team hatten. Gibt es trotzdem etwas, was Sie heute rückblickend in den ersten Wochen im Job anders machen würden?

Dr. Nora Kießling: Wahrscheinlich würde ich mich heute nicht mehr so stressen.

„Am Anfang war da schon sehr viel Unsicherheit: Warum weiß ich dies und jenes nicht? Warum kann ich das nicht auf Anhieb? Wie haben die anderen das gelernt?“

Diese Unsicherheit ist aber unbegründet, denn manches muss man einfach üben und nicht alles gelingt beim ersten Mal – also ganz nach dem Motto: Übung macht die Meisterin. In meinem Fall waren das beispielsweise die Sonographien, bei denen ich anfangs einfach Geduld brauchte, bis ich darin wirklich sicher wurde. Daher ist mein Tipp an alle jungen Ärztinnen und Ärzte: Lasst euch nicht aus der Ruhe bringen. Fragt immer nach und gebt euch die Zeit, Dinge zu üben.

Es gibt aber auch Kliniken, in denen sehr starre Hierarchien herrschen und wo zum Beispiel eine große Angst davor herrscht, Fehler oder Unwissen einzuräumen. Welchen Tipp haben Sie für diese Kolleginnen und Kollegen?

Dr. Nora Kießling: Ja, das ist eine gute Frage. Es gibt tatsächlich große Unterschiede – beispielsweise zwischen kommunalen Kliniken und Uni-Kliniken. Und ich werde als Neuling, wenn ich viele Fragen und Anregungen habe, nicht überall offene Türen einrennen.

„Ich würde trotzdem jedem jungen Arzt und jeder jungen Ärztin empfehlen: Stellt eure Fragen, bringt eure Ideen ein – versucht, im Kleinen etwas zu ändern.“

Und am besten ist es, schon bei der Stellensuche in der potenziellen Klinik zu hospitieren. So bekommt man ein Gefühl dafür, welche Kultur dort herrscht, und kann dann entscheiden: Kann ich mir das vorstellen oder nicht? Wir dürfen durchaus anspruchsvoll sein, denn ein Wandel wird so oder so stattfinden und wir können mit unseren Wünschen und Forderungen etwas dazu beitragen.

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Wie genau sieht dieser Wandel aus – was stellen Sie in Ihrem Umfeld und im Rahmen Ihrer Tätigkeit im Jungen Forum der DGGG e. V. fest?

Dr. Nora Kießling: Ganz klar: Die Medizin wird weiblich. In der Gynäkologie sind es beispielsweise schon über 80 % weibliche Kollegen. Dort findet bereits ein Generationenkonflikt mit den Babyboomern in den Chefetagen statt. Die ältere und vorwiegend männliche Generation hatte damals noch Schwierigkeiten, überhaupt eine Stelle zu finden. Heute ist das anders, wir werden uns aussuchen können, wo wir arbeiten.

Beobachten Sie schon einen verstärkten Wettbewerb unter Arbeitgebern? – Gibt es beispielsweise Kliniken, die sich durch flexible Arbeitszeitmodelle oder sonstige Besonderheiten auf die Wünsche der jungen Generation einstellen?

Dr. Nora Kießling: Ja, viele Kliniken haben sich schon auf die Wünsche der jungen Generation eingestellt und leben auch eine andere Kultur vor. Meine Chefin beispielsweise hat fünf Kinder und schafft es dennoch, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bekommen. Natürlich ist in Berlin vieles progressiver, aber ich bin mir sicher, dass sich der Trend zu mehr Work-Life-Balance und flexiblen Arbeitszeitmodellen weiter ausbreiten wird. Wie gut sich die angestellten Ärztinnen und Ärzte in einer Klinik aufgehoben fühlen, wird immer wichtiger. Beispielsweise gibt es in der Schweiz bereits seit Jahren Bewertungsportale für Kliniken.

Neben einer guten Work-Life-Balance, flexiblen Arbeitszeitmodellen und einem tollen Team: Worauf sollte man achten, wenn man sich für eine Klinik entscheidet. Oder, ganz konkret, was sind es für Aspekte, die eine Klinik zu einer Top-Klinik für junge Ärztinnen und Ärzte machen?

Dr. Nora Kießling: Das ist ganz individuell. Ich denke das muss jede und jeder für sich herausfinden. Für mich beispielsweise sind eine gute Stimmung im Team, ehrliche und wertschätzende Kommunikation auch mit Patientinnen und Patienten sowie eine umfassende Ausbildung wichtig. Fragen könnten sein: Wie will ich ausgebildet werden? Welche Schwerpunkte lege ich? Teilzeitstelle mit Kinderbetreuung, Niederlassung mit Aussicht auf Übernahme oder doch Möglichkeit von Forschung?  

Es heißt auch immer wieder, dass die üblichen Karrierepfade für die jüngere Generation nicht mehr unbedingt erstrebenswert sind und es teilweise schwierig wird, die Chefposten zu besetzen. Beobachten Sie das auch?

Dr. Nora Kießling: Ja, absolut. In einer Führungsposition in der Klinik muss man einfach viele Abstriche machen, vor allem im Privatleben hat sich vieles unterzuordnen und dazu sind heute nicht mehr alle bereit.

„Auch Chefposten müssen attraktiv gestaltet werden – sonst fragen wir junge Ärztinnen und Ärzte uns: Warum soll ich mir den Stress antun?“

Derzeit sind in Berlin von den 125 Chefarztposten nur 20 von Frauen besetzt. Doch in den nächsten Jahren werden viele Ärzte in den Ruhestand eintreten. Heute sind mehr als zwei Drittel aller Medizinstudierenden weiblich – der Wandel wird kommen.

Bildquelle: © Dr. Nora Kießling

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Nathalie Haidlauf

Nathalie Haidlauf

liefert Ärztinnen und Ärzten auf dem Blog hilfreiches Wissen für den herausfordernden Berufsalltag.

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