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Teil 1: Niederlassung als Arzt – Rechtsformen der Arztpraxis im Vergleich

Einzelpraxis, Gemeinschaftspraxis oder Praxisgemeinschaft? Frank Macht, Fachanwalt für Medizinrecht, beleuchtet die verschiedenen Rechtsformen von Arztpraxen und erklärt, was Ärztinnen und Ärzte bei der Niederlassung beachten sollten.

Wer als Ärztin oder Arzt der Klinik den Rücken kehren und sich niederlassen möchte, hat die Qual der Wahl. Doch was sind die Charakteristika der einzelnen Rechtsformen für Arztpraxen? Welche Besonderheiten stecken dahinter? Was sind die Vor- und Nachteile? Um Ihnen die Entscheidung leichter zu machen, finden Sie hier einen Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten, außerhalb der Klinik zu arbeiten.

Einzelpraxis

Wie der Name schon vermuten lässt, wird eine Einzelpraxis von einer Ärztin oder einem Arzt alleine betrieben – und eignet sich als Praxisform vor allem für diejenigen, die gerne selbst die komplette Verantwortung übernehmen möchten. 

Vorteile der Einzelpraxis

Entscheidungen brauchen nicht mit anderen abgestimmt, der Gewinn muss nicht geteilt werden. In einer Einzelpraxis entfällt außerdem eine Mithaftung (gesamtschuldnerische Haftung) der Praxisinhaberin oder des Praxisinhabers für etwaiges Fehlverhalten von Kolleginnen oder Kollegen.

Nachteile der Einzelpraxis

In einer  Einzelpraxis müssen alle Praxiskosten alleine getragen werden. Ist die Inhaberin oder der Inhaber einmal abwesend, z. B. bei Krankheit oder Urlaub, muss die Praxis entweder geschlossen oder eine Vertretung bestellt werden. Darüber hinaus wird das Leistungsspektrum der Praxis von der fachlichen Ausrichtung und der Qualifikation der Einzelärztin oder des Einzelarztes in gewisser Weise begrenzt – fachübergreifende Leistungsangebote sind nur über angestellte Ärztinnen und Ärzte möglich. Da nur eine Person für die Einhaltung der Sprechstundenzeiten und die Aufsicht über die angestellten Ärztinnen und Ärzte verantwortlich ist, scheiden auch unterschiedliche „Arbeitszeitmodelle“ aus (z. B. eine Kollegin arbeitet am Vormittag, die andere am Nachmittag). Die zeitliche Flexibilität in einer Einzelpraxis ist damit insgesamt geringer und auch das finanzielle Risiko wird nur von einer Person getragen.

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Gemeinschaftspraxis/ ärztliche Berufsausübungsgemeinschaft

Im Gegensatz zur Einzelpraxis ist die Gemeinschaftspraxis bzw. die ärztliche Berufsausübungsgemeinschaft, wie sie heute oft bezeichnet wird, etwas für Teamplayer, die bei der Ausübung ihrer ärztlichen Tätigkeit gerne flexibel bleiben wollen. Eine Gemeinschaftspraxis kann ausschließlich von Ärztinnen und Ärzten, also nicht von anderen Heilberuflern, gegründet  werden und besteht aus mindestens zwei Gesellschaftern, die entweder fachgleich oder fachübergreifend tätig sind. Es gibt einen gemeinsamen Patientenstamm, einen gemeinsamen Außenauftritt (Praxisschild, Briefbogen, Homepage etc.) und ein gemeinsames Praxiskonto. Die Gemeinschaftspraxis kann an einem oder auch an mehreren Standorten als überörtliche Gemeinschaftspraxis betrieben werden.

Vorteile der Gemeinschaftspraxis

Die Gemeinschaftspraxis bietet eine Reihe von Vorteilen. So werden die Praxiskosten von allen Ärztinnen und Ärzten gemeinsam getragen. Erkrankt eine Ärztin oder ein Arzt, können sie sich durch die anderen Kolleginnen und Kollegen der Gemeinschaftspraxis vertreten lassen. Gleiches gilt bei Urlaubs- und sonstigen Abwesenheitszeiten eines Gesellschafters. Da mehrere Ärztinnen und Ärzte in der Praxis arbeiten, können die Sprechstundenzeiten variabel gestaltet werden. Dies ist insbesondere für diejenigen interessant, die Beruf und Familie bestmöglich vereinen möchten.

Interessant ist auch der Aspekt, dass das Leistungsspektrum erweitert werden kann, wenn die Ärztinnen und Ärzte in der Gemeinschaftspraxis diverse Qualifikationen haben und/oder unterschiedlichen Fachrichtungen angehören. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Kassenärztliche Vereinigung einen Bonus/Zuschlag auf das Regelleistungsvolumen der Gemeinschaftspraxis gewährt. Auch können die Budgetüberschreitungen der einen Ärztin mit den Budgetunterschreitungen des anderen Arztes verrechnet und ausgeglichen werden.

Nachteile der Gemeinschaftspraxis: Vor allem die Haftung

Ein wesentlicher Nachteil, wenn die Gemeinschaftspraxis in der Rechtsform einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts betrieben wird, ist, dass alle Ärztinnen und Ärzte gesamtschuldnerisch haften – gegebenenfalls sogar mit ihrem Privatvermögen. Das betrifft auch die Haftung für Altverbindlichkeiten: So haftet auch eine neue Kollegin oder ein neuer Kollege, der in eine bereits bestehende Gemeinschaftspraxis einsteigt, für Altlasten der Gemeinschaftspraxis. Es haften immer alle Ärztinnen und Ärzte gemeinsam, unabhängig davon, wer der tatsächliche Verursacher ist.

Entscheidungen in der Gemeinschaftspraxis werden gemeinsam getroffen und dauern dadurch möglicherweise etwas länger. Bei internen Beschlussfassungen können Kolleginnen und Kollegen überstimmt und damit beispielsweise die Integration eines Nachfolgers in die Gemeinschaftspraxis erschwert oder vollständig verhindert werden. Ein Tipp für Ärztinnen und Ärzte, die mit einer Gemeinschaftspraxis liebäugeln: Die „Spielregeln“ der gemeinsamen Zusammenarbeit sollten unbedingt vorab vertraglich festgelegt werden, um späteren Auseinandersetzungen vorzubeugen.

Frank Macht, Büdingen-Nova

Über Frank Macht

Frank Macht ist Rechtsanwalt, Fachanwalt für Medizinrecht sowie Berater im Gesundheitswesen und arbeitet bei der Ärztlichen Unternehmensgruppe Büdingen Nova. Dort berät er sowohl Praxisabgebende, die eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger suchen, als auch Ärztinnen und Ärzte, die eine Praxis gründen möchten.

Praxisgemeinschaft

Eine Praxisgemeinschaft ist eine reine Kostengemeinschaft: Mehrere Praxen schließen sich zusammen, um sich die Kosten für Räumlichkeiten, Personal und Inventar zu teilen. Ansonsten bleiben die Praxen unabhängig, haben ihren eigenen Patientenstamm, ihren eigenen Außenauftritt und rechnen insbesondere ihre Leistungen unabhängig voneinander ab.

Vorsicht bei einem „gemeinsamen Patientenstamm“

Aus diesem Grunde gibt es auch keine Gewinnverteilung in der Praxisgemeinschaft. Da die Patientinnen und Patienten separat über die Praxen abgerechnet werden und damit zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung jeweils einen eigenen Behandlungsfall auslösen, überprüft die Kassenärztliche Vereinigung, ob die in der Praxisgemeinschaft zusammengeschlossenen Praxen einen „gemeinsamen Patientenstamm“ haben. Ab einer Patientenübereinstimmungsquote von 20 Prozent kann es zu einer Honorarrückforderung kommen – mit der Begründung, dass die zusammengeschlossenen Praxen faktisch eine Gemeinschaftspraxis darstellen.

Weitere Rechtsformen der Arztpraxis finden Sie in Teil 2

Was muss man als Ärztin oder Arzt zu einem medizinischen Versorgungszentrum, einer medizinischen Kooperationsgemeinschaft, einem Praxisverbund oder zum Jobsharing wissen? Und wie findet man für sich selbst die richtige Rechtsform?

Bildquelle: © getty images/luckyraccoon

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